Ein Autor schreibt, was andere meiden. Drei Romane. Vier Welten.

Was geschieht, wenn ein Schriftsteller sich üblichen Muster verweigert? Wie der wandernde Stamm, den er beschreibt, von einem Land zum nächsten zieht, so reist der Dichter durch Genre.

1. Hildimer, der letzte Vandale

«-„Da half uns Schwert und Lanze nichts, das ganze Heer

Kam um, im Angriff seiner Flotten übermannt.”i, rief der Bote, dem keine eigenen Worte einfielen, so sehr er darum rang.

Frauen wehklagten. Ein kleiner Junge fragte „Wann kommt Va­ter?” Keine Ant­wort. Niemand mochte ihm sagen: -‚Ob tot oder ver­schleppt – zurück kehrt keiner mehr.’

-„Meine Jungen!”, stöhnten Mütter und „mein Mann! Was soll aus uns werden?”

Eine Mutter drückte zwei kleine Kinder an sich; eine andere Frau preß­te ihre Hände gegen Bauch und Brust. Sie riefen Namen. Dann schien ihnen einzu­fal­len, daß ihre Welt sich gerade auflöste.

Blicke erloschen, andere stachen wie ein suchender Strahl. Eine Wel­le der Klagelaute lief durch die Menge der Frauen und Kinder, so­weit sie verstanden. Ein Rhythmus schmerzenden Wimmerns entstand wie ein Wechselspiel zwischen klagendem Prediger und der ein­fal­len­den Gemeinde, die nach dem Karfreitagsgebet einen Psalm der Trauer san­gen. Es erklangen Schmerzlaute wie ein antiphonaler Wech­sel­ge­sang arianischer Kirchen, der so mitreißend war, daß auf den Straßen vor­bei­gehende Händler aus fernen Gefilden weit jenseits des Ein­flus­ses Roms oder des Christentums aufmerkten. Ein Mann blieb vom Sog der Töne ergriffen stehen. Er fühlte sich an einen Stammestanz sei­ner Heimat erinnert. Vor einer arianischen Kirche, aus der solch rhyth­misches Klageweinen erklang, begann er sich im Takt des Ent­set­zens zu wiegen und zu tanzen.» (Szene aus „Hildimer, der letzte Vandale”; ein historisch präziser philosophischer Ideenroman über den Untergang der Vandalen in Karthago)

2. Aus Asphaltdschungel in den Urwald

«Die Flammen des Feuers waren während ihres Schlafes zu matter Glut zu­sammengesunken. Plötzlich knackten Schritte im Unterholz. Et­was Schweres nahte. Berthold öffnete schläfrig seine Augen. Vor ihm stand ein mannshoher Vogel mit Knochenhelm, dessen Schwarz sich in der Nacht verlor. Die roten Hautlappen am Hals wirkten im Rest­licht der Glut wie frisches Blut. Das Tier stand still und starrte ihn an.

Viele Gedanken durchschossen Bertholds Hirn:

‚Was tun? Waffen sind keine griffbereit!’ ‚Aufstehen, eine Waffe ho­len?’ ‚Aber das geht nicht, das Tier steht direkt vor mir!’ ‚Besser nicht reizen, ruhig liegenbleiben?’

Stille. Dann rief Berthold laut: „Geh weg!”

Gerd bewegte sein Haupt im Halbschlaf; Koru war plötzlich hell­wach. Der Helmkasuar zögerte, stieß einen tiefen, dumpfen Laut aus. Dann drehte er sich langsam ab und verschwand mit hohen, stel­zen­den Schrit­ten und einem Zischen in der Dunkelheit.

Koru setzte sich auf. „Helmkasuar”, sagte er benommen, „Zum Glück hast du ihn nicht bedrängt.”

-„Gut daß es kein Keiler war”, fiel Gerd ein, „oder eine Bache mit Frischlingen.”

Sie sanken in Schlaf zurück, dessen Träume vom Vergessen ver­bor­gen wurden. » (Szene des ethnologisch genau recherchierten Ideenromans „Aus Asphaltdschungel in den Urwald” über Geschlechterkulturen)

3. Planet in der Leere

«Der Planet Ger lag nun im Dunkeln, umgeben von einer Kugel­scha­le, die ständig durch winzige Schübe auf überall gleichmäßigen Ab­stand gehalten wurde. Tiere fürchteten sich. Nie hatte es eine sol­che Nacht gegeben. Nur gut, daß die Etappe binnen Stunden er­reich­bar war! Kein Sonnenlicht, allerdings auch keine Abstrahlung von Wär­me ins All.

Viele Tiere erstarrten wie erblindet. Eulen zweifelten an ihren gro­ßen Augen, die noch nie ein so voll­stän­di­ges, undurchdringliches Schwarz gesehen hatten. Einige lauschten, hörten Beute rascheln, doch wer so unvorsichtig war, ins Dunkel zu fliegen, krachte leicht gegen Stämme, Äste, oder verfing sich in Gezweig oder Dornen.

Vögel waren erblindet; die meisten blieben sitzen. Nur Fleder­mäu­se sausten noch mit uns unhörbarem Echoradar ihrer Höhle zu.

Menschen, die listigen Wesen, hatten Licht, vermochten sogar den Weg des Alls um sie auf Bildquadern zu verfolgen.» (Auszug des Ideenromans „Planet in der Leere” über ein germanisches Dorf zwischen urtümlichem Leben, moderner Physik, Geschlechterkultur und Flucht vor einer nichtmenschlichen Weltraumflotte)

Als vierte Welt schimmert heutige Gegenwart durch.

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i Zitat aus Aischylos, Die Perser, frei übertragen